Warum Aufklärung allein nicht reicht

Eltern wissen oft, dass es besser wäre, ihr Kind zu Fuß zur Schule gehen zu lassen. Trotzdem fahren sie mit dem Auto. Dieses Phänomen ist kein Wissensdefizit – es lässt sich mit verhaltenspsychologischen Modellen erklären, die für die Kommunikationsstrategie im schulischen Mobilitätsmanagement zentral sind.


Das Matthies-Modell – Sieben Einflussfaktoren auf Mobilitätsentscheidungen

Das integrative Einflussschema nach Ellen Matthies beschreibt sieben Faktoren, die unser Mobilitätsverhalten bestimmen. Jeder Faktor erfordert einen eigenen kommunikativen Ansatz.

1. Soziale Norm

Unter der sozialen Norm wird gefasst, welches Verhalten gesellschaftlich erwartet wird: Erwartungen der Nachbarschaft, anderer Eltern, der Schulgemeinschaft, aber auch Gesetze und Richtlinien. Dabei muss zwischen Ist-Zustand und Soll-Zustand unterschieden werden.

Kommunikativer Hebel: Soziale Normen können gezielt gesetzt werden – zum Beispiel durch einen Schulkonferenzbeschluss, der festlegt, wie die Schule nachhaltige Mobilität fördern möchte. Wenn Eltern erfahren, dass die Mehrheit der Familien bereits zu Fuß unterwegs ist, entsteht sozialer Anpassungsdruck.

2. Persönliche Norm (Werte und Selbstwirksamkeit)

Hier geht es um eigene Werte und die wahrgenommene Selbstwirksamkeit: Welches Verhalten ist mir wichtig? Was kann ich tun? Was kann mein Kind, was kann ich meinem Kind zutrauen?

Kommunikativer Hebel: Persönliche Normen sind stark vom Wissensstand beeinflusst. Über Information, Aufklärung und vor allem persönliches Erleben können Veränderungen erreicht werden. Botschaften wie „Ihr Kind kann das!“ stärken die Selbstwirksamkeit.

3. Kosten-Nutzen-Abwägung

Eltern geben häufig an, die Schule liege „auf dem Weg zur Arbeit“ – wodurch vermeintlich kein Mehraufwand entsteht. Bei genauerer Analyse zeigt sich oft, dass doch Umwege nötig werden und die Fahrt zur Arbeit an den Schulbeginn gekoppelt ist. Kosten für die Umwelt und entgangene Schulwegerfahrungen der Kinder werden meist nicht eingerechnet.

Kommunikativer Hebel: Wissensvermittlung zu tatsächlichen Zeiten, Kosten und zum ökologischen Fußabdruck. Aber auch: den Nutzen des Schulwegs für das Kind sichtbar machen (Bewegung, Sozialkontakte, Selbstständigkeit).

4. Emotionen

Bei Schulwegen spielen bei Eltern schnell negative Emotionen eine Rolle: Ängste und Sorgen vor Verkehr, Dunkelheit, Fremden. Positive Emotionen werden selten mit dem Schulweg verbunden – dabei erleben Kinder Stolz beim ersten selbstständigen Überqueren einer Straße, Freude über neue Freundschaften und Glück durch Bewegung.

Kommunikativer Hebel: Negative Emotionen entkräften (z.B. durch Infrastrukturmaßnahmen, Schulweggemeinschaften) und positive Emotionen hervorheben. Persönliches Erleben ist hier unerlässlich – das muss bei der Planung von Maßnahmen berücksichtigt werden.

5. Gewohnheiten

Eingefahrene, funktionierende Verhaltensweisen zu ändern ist schwer. Veränderungen werden als anstrengend empfunden und lösen oft negative Emotionen aus. Wichtigste Voraussetzung: intrinsische Motivation und Wissen über Alternativen.

Kommunikativer Hebel: Kleine Erinnerungshilfen im Alltag, die helfen, das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren. Kreative Touchpoints an den Orten, wo Mobilitätsentscheidungen getroffen werden: auf der Brotdose, dem Stundenplan, im Familienkalender (z.B. als kleine Aufkleber), auf Gehwegen, auf Plakaten, auf der Fußmatte, auf dem Frühstücksbrett.